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Das steinerne Buch

15.10.2026

Stift Rein, Ulrichskirche

Zwischen alten Steinen und Waldgeheimnissen

Meine kleine Wanderung führte mich in die Umgebung des Stiftes Rein, hinauf zur Ulrichskirche auf dem Ulrichsberg. Zwischen Waldwegen, knorrigen Wurzeln und moosbewachsenen Felsen begegnete mir eine Landschaft, die meine Fantasie ebenso anregte wie meine Neugier auf ihre Geschichte.


Bereits eine Woche vorher, an meinem Geburtstag am 6. Oktober, war ich den Waldweg entlang spaziert. Und wie so oft waren es die unscheinbaren Dinge, die mich besonders in den Bann zogen. So entdeckte ich ein steinernes Buch. Zumindest sah es für mich so aus, als hätte jemand die Seite eines Buches in den Stein geschrieben. 

Wie alt mag es sein? Welche Kräfte haben seine Oberfläche geformt? Was hat dieser Stein erlebt, bevor er hier am Wegesrand lag? 


Ich hob den Stein auf und betrachtete ihn von allen Seiten. Dabei erinnerte ich mich an einen Besuch im Archäologiemuseum Schloss Eggenberg. Dort gab es 2018 sogar eine Sonderausstellung mit dem Titel "Messerscharf - 6000 Jahre Hornsteinbergbau in Rein bei Graz". Sie widmete sich genau dem jungsteinzeitlichen Bergbau bei Rein und zeigte eine Rekonstruktion eines Abbauschachtes.


 Ich nahm mir vor, unbedingt einmal das Stein. Zeit. Museum im Stift Rein zu besuchen! 


Die Gegend um Rein gehört geologisch zu einer sehr alten Gesteinswelt, deren Geschichte teilweise bis ins Erdaltertum zurückreicht - in eine Zeit von hunderten Millionen Jahren! Was für eine unvorstellbar lange Zeitspanne! 


Leider konnte ich den Stein nicht auf der Stelle mitnehmen, also versteckte ich ihn hinter einem Baum und beschloss, ihn beim nächsten Rundgang abzuholen. 


Und siehe da: am 15.10. fand ich ihn tatsächlich genau dort wieder, wo ich ihn für mich versteckt hatte. Ich fühlte mich wie eine Schatzjägerin und packte mein steinernes Buch in einen Sack. 


Auch wenn die Linien auf dem Stein nicht automatisch auf einen archäologischen Fund hindeuten - denn sie können ebenso durch natürliche geologische Prozesse entstanden sein - , faszinieren sie mich. Vielleicht ist es gerade das Werk der Natur, das diesen Stein so besonders macht.


Die Erde schreibt ihre Geschichten nicht mit Tinte, sondern mit Zeit. Und vielleicht ist mein steinernes Buch gerade deshalb so passend: Es erinnert mich daran, dass es noch unzählige Dinge gibt, die lange vor mir begonnen haben und die ich entdecken, erforschen und verstehen kann. 


Der Waldweg führte mich über wunderbar verwurzelte Pfade bis zur Ulrichskirche. Die Kirche selbst soll 573 Jahre alt sein. Doch mir fiel sofort ein von Moos bewachsener Felsen auf, der gegenüber der Kirche liegt und vor dem eine Holzbank zum Rasten einlädt. 


Da saß ich nun, hinter mir den Felsen und vor mir die Ulrichskirche in ihrem spätgotischen Stil. Wer weiß, auf welchen Grundmauern sie eigentlich errichtet wurde? Schließlich besitzt der Ulrichsberg eine viel ältere Kulturgeschichte. Vielleicht wurde er schon lange zuvor als Kultort genutzt? 


Als ich mich umdrehte und zum Felsen blickte, überkam mich ein inneres Ziehen, eine Art leichte Benommenheit. Für mich persönlich war es ein Zeichen, dass dieser Ort mit seinem Felsen und der Kirche eine ganz besondere Kraft ausstrahlt.


Auf dem Rückweg musste ich schmunzeln, weil scheinbar ein Spaziergänger zwei Trollgesichter in einen Baum geritzt hat. Ja, das kenne ich nur allzu gut: Wenn der Wald Gesichter bekommt, entdecke ich sie überall. Manche Formen von Steinen, Bäumen und Wurzeln, erinnern an urige Naturwesen. Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus Wahrnehmung und Fantasie, die einen Wald so lebendig erscheinen lässt. 


In der nordischen Erzähltradition sind Trolle eng mit Bergen, Felsen und der wilden Natur verbunden. Vielleicht ist der Ulrichsberg in Wirklichkeit von solchen Naturwesen bewohnt? Ich kann mich diesem Gedanken nicht entziehen und fahre sehr zufrieden nach Hause.



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