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Lettische Kultur erleben: Begegnungen die inspirieren

Aktualisiert: vor 4 Tagen

2023-2024 wurde ich durch eine liebe Bekannte für kurze Zeit eine lettische Chorsängerin. Seit meiner Volkschulzeit trug ich den Wunsch in mir, Teil eines Chores zu sein und gemeinsam mit anderen zu singen. Und dass es am Ende ein lettischer Chor sein würde, hätte ich mir damals nicht vorstellen können!


Lettischer Chor "Pilskalns" in Graz
Lettischer Chor "Pilskalns" in Graz

Die lettische Kultur rund um Singen und Tanzen ist unglaublich tief verwurzelt - fast wie ein kollektiver Herzschlag des Landes. In Lettland ist gemeinsames Singen nicht einfach Unterhaltung, sondern Identität, Erinnerung, Widerstand und Verbundenheit zugleich.



Die riesigen Sängerfeste


Das berühmteste kulturelle Ereignis sind die lettischen Sänger- und Tanzfeste, das sogenannte Dziesmu un deju svētki. Tausende Menschen singen dort gemeinsam in Chören - oft 10.000 bis 15.000 Sänger gleichzeitig. Dazu kommen große Volkstanzgruppen in traditionellen Trachten. Das erste große Festival fand 1873 statt und wurde zu einem Symbol des nationalen Bewusstseins der Letten. Heute zählt diese Tradition sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.


Wenn man Videos davon sieht, merkt man sofort: Das ist keine Show für Menschen - das ist etwas, das die Menschen miteinander erschaffen! Sehr würdevoll, emotional und kollektiv.

Die singende Revolution während der sowjetischen Besatzung ist hier besonders erwähnenswert. Diese entstand in den 1980ern in den baltischen Staaten - Estland, Lettland und Litauen. Menschen sangen verbotene nationale Lieder, trafen sich zu riesigen offenen Gesangsveranstaltungen und stärkten dadurch friedlich ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihren Wunsch nach Freiheit. Eines der stärksten Bilder war der Baltische Weg 1989: Etwa zwei Millionen Menschen bildeten eine Menschenkette über rund 600 Kilometer durch die drei baltischen Länder.

Singen war dort fast eine Form von spirituellen Widerstand.



Volkslieder - die Dainas


Die lettischen Volkslieder heißen Dainas. Es gibt Hunderttausende davon. Viele sind sehr kurz, poetisch und naturverbunden.

Die Themen sind oft:

  • Jahreszeiten

  • Wälder

  • Sonne

  • Familie

  • Arbeit

  • Liebe

  • Tod

  • spirituelle Naturverbundenheit




Die lettische Mythologie ist stark mit Naturkräften verbunden. Die Sonne /Saule spielt eine große Rolle. Die Lieder wirken archetypisch und klar. Eines meiner Lieblingslieder ist Devini Dēli und bedeutet ungefähr "Neun Söhne". Es stammt aus der Tradition der Dainas und erschafft symbolische Bilder. In verschiedenen Versionen tauchen neun Söhne auf, die:


  • Bäume fällen

  • Kupferdächer bauen

  • die Sonne ehren,

  • oder etwas Kosmisches vorbereiten.


Eine bekannte Zeile beschreibt:

"Neun Söhne fällten Bäume am Ufer des Flusses Daugava." Die Zahl neun taucht in der baltischen Mythologie häufig auf. Sie steht oft für Vollständigkeit, kosmische Ordnung, Übergänge, zyklische Prozesse. Das Lied hat vorchristliche Wurzeln und viele Forscher sehen darin Bilder von:


  • Weltenbaum

  • Sonnenkult

  • Jahreskreis

  • männliche Schöpferkraft

  • Verbindung zwischen Erde und Himmel


Das Fällen von Bäumen kann symbolisch für die Transformation stehen, und nicht für die Zerstörung. - Holz für etwas Heiliges oder Kosmisches. Gerade bei lettischen Chören entsteht daraus etwas sehr kraftvolles - fast wie ein Ritual. Viele Menschen empfinden dabei Weite, Sehnsucht, Erdung, Traurigkeit oder Stärke zugleich. Während der sowjetischen Zeit wurden eben solche Lieder zu Trägern nationaler Identität. Sie bewahren Sprache, Erinnerung, kulturelle Eigenständigkeit und Verbindung zur Heimat.



Tanz


Die traditionellen Tänze sind meist Gruppentänze mit klaren Mustern und viel Gemeinschaftsgefühl. Viele Tänze spiegeln bäuerliches Leben, Jahreszeiten oder soziale Rituale wider. Bei den großen Tanzfesten entstehen riesige geometrische Formationen - fast wie bewegte Ornamente. Sehr beeindruckend anzusehen. Im Juni 2024 durfte ich nach Lettland reisen und bei so einem Tanz - und Gesangsfestival teilnehmen. Als Österreicherin trat ich in unserer traditionellen Tracht auf: Dirndl, Bluse und Schürze.


lettische und österreichische Tracht
lettische und österreichische Tracht


Die alten baltischen Naturtraditionen gehören zu den ältesten noch spürbaren indoeuropäischen Traditionen in Europa und berühren sich mit denen der Kelten oder Germanen. Die Natur wurde nicht verehrt wie etwas Fremdes, sondern eher als beseelt und lebendig erlebt. Mensch, Wald, Tiere, Sonne, Wasser und Jahreszeiten gehörten zu einem gemeinsamen Ganzen.



Die Sonne - Saule


Die Sonnengöttin Saule war eine der wichtigsten Figuren. Sie war nicht nur die Sonne im astronomischen Sinn, sondern:


  • Lebensspenderin

  • Hüterin des Rhythmus

  • Symbol für Wärme, Ordnung, Fruchtbarkeit



Wälder und heilige Haine


Wälder waren Spirituelle Orte. Es gab heilige Bäume, Quellen, Steine, Haine, Hügel an denen Opfergaben hinterlassen wurden: Brot, Bier, Kräuter, Blumen oder kleine Handarbeiten. Vor allem Eichen galten als kraftvoll und schützend. Lettland hat mich auch in meiner Filzarbeit inspiriert. Ich spürte dort etwas Urmütterliches.



aus Schafwolle gefilzte Erdmutter
aus Schafwolle gefilzte Erdmutter

Feuer


Feuer spielte eine riesige Rolle: Reinigung, Schutz, Verbindung zu den Ahnen und Sonnenkraft. Besonders zur Sommersonnenwende wurden Feuer entzündet. Das heutige lettische Mittsommerfest Jāni geht direkt auf diese alten Traditionen zurück. Dabei singt man die ganze Nacht, trägt Blumen- und Eichenkränze, entzündet Feuer, bleibt möglichst bis Sonnenaufgang wach. Es hat etwas archaisches und lebensbejahendes.


Filzwerkstück Feuerfrau
Filzwerkstück Feuerfrau

Diese Erfahrung in Lettland hat etwas in mir berührt und weiter geöffnet. Die Begegnung mit Gesang, Natur und Gemeinschaft fließt bis heute in meine Filzarbeiten ein. Formen, Farben und Strukturen entstehen für mich oft aus genau diesem Gefühl von Verbundenheit - mit der Natur, mit Tradition und mit etwas, das älter ist als Worte.

 
 
 

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