Auf den Spuren der Hochalm Maria Schnee

Es ist unbeschreiblich schön, wenn besondere Orte durch besondere Menschen ihren Weg zu mir finden. Manche erzählten mir von der Hochalm Maria Schnee, andere sind hier zu Hause und sehen diese Landschaft mit den Augen derjenigen, die mit ihr aufgewachsen sind. Meine Neugier wurde heuer zum ersten Mal durch meine Kollegin Sandra geweckt, die mich auf Grund meiner Filzarbeiten auf die Hochalm ansprach und im Zuge dessen auch Barbara Zeller erwähnte, die in ihren Büchern ihre ganz persönlichen Erlebnisse auf dieser Alm beschreibt. Sandra hat mir ihre Bücher geliehen und während ich sie las, wuchs in mir der Wunsch diesen Ort bald selbst kennenzulernen. Und so machte ich mich unlängst in den frühen Morgenstunden mit meinen beiden Filzfiguren Bärtl und Wölzan auf den Weg dorthin.

Vorbei an Wäldern und Feldern, über weite Almwiesen und sanfte Bergrücken, öffnet sich eine Landschaft, die seit Jahrmillionen gewachsen ist. Die Seckauer Tauern gehören zu den Zentralalpen. Ihre Berge bestehen nicht aus hellem Kalkstein, sondern aus uralten kristallinen Gesteinen wie Orthogneis, Glimmerschiefer und Quarzit. Viele dieser Gesteine entstanden vor über 300 Millionen Jahren tief im Inneren der Erde. Erst als die afrikanische und die europäische Kontinentalplatte zusammenstießen, wurden sie langsam emporgehoben und bildeten die Alpen.
Während der letzten Eiszeit, die vor rund 11.700 Jahren endete, waren auch diese Berge von mächtigen Gletschern bedeckt. Sie formten die sanften Kuppen, Mulden und Almböden, die hier heute das Landschaftsbild prägen. Wer aufmerksam geht, erkennt diese Urkräfte der Natur in den Steinen, Böden und Pflanzen. Mich fasziniert, dass die Natur mit diesen gewaltigen Urkräften niemals still steht. Jeder Hang, jeder Boden und jedes Gestein sind Teil eines lebendigen Systems, das sich bis heute ständig verändert. Jede Bergregion entwickelt dadurch ihren ganz eigenen Charakter- geologisch, klimatisch und ökologisch.

Die Berge erzählen Erdgeschichte
Bilderbeschreibung von links nach rechts:
1.) Orthogneis - entstanden aus Granit vor hunderten Millionen Jahren. Seine Bänder entstanden tief im Erdinneren unter gewaltigem Druck.
2.) Glimmerschiefer - seine Glimmerplättchen funkeln im Sonnenlicht wie tausende kleine Spiegel.
3.) Quarzit - ein außergewöhnlich hartes Gestein, das aus Sandstein entstanden ist.
Pflanzen auf der Hochalm
Bildbeschreibung von links nach rechts:
1.) Bärtige Glockenblume - die feinen Haare schützen vor nächtlicher Kälte, kaltem Wind, starker Sonneneinstrahlung, Austrocknung. Wächst gerne auf Gneis- und Quarzitböden.
2.) (wahrscheinlich) in rosa Stängelloses Leimkraut - im Inneren des Polsters kann es mehrere Grad wärmer sein als außerhalb deshalb ist es genial angepasst. Rundherum ein paar Rentierflechten, die aus einem Pilz und einer Alge bestehen. Die beiden leben zusammen, Pilz und Alge. Sie können vollständig austrocknen und nach einem Regenschauer innerhalb weniger Stunden wieder "lebendig" werden. Eine unglaubliche Überlebensstrategie.
3.) Hornklee - seine Besonderheit => an seinen Wurzeln leben Bakterien. Diese holen Stickstoff aus der Luft. Dadurch kann der Hornklee auch auf nährstoffarmen Almwiesen wachsen. Er verbessert sogar den Boden für andere Pflanzen.

Die Böden der Hochalm bestehen aus Gesteine die verwittert eher zu sauren, nährstoffarmen Böden führt. Darauf können keine üppigen Blumenwiesen wachsen wie auf Kalk. Aber es entstehen wahrhaftig wunscherschöne Spezialisten für raue Bedingungen. Und was mich bei meinen Beobachtungen besonders fasziniert hat: Das alles sind Lebensgemeinschaften und genauso funktioniert eine Alm! Nicht eine Pflanze allein macht ihre Schönheit aus, sondern das Zusammenspiel vieler kleiner Arten. Die weißen Flechten wirken fast wie Schnee, dazwischen blühen Glockenblumen oder Leimkraut - und gerade diese Vielfalt macht die Hochalm so besonders.
Die Wetterlärche
Ein besonderer Ort auf dem Weg ist die alte Wetterlärche. Seit Generationen dient sie Wanderern und Pilgern als Rastplatz. Wer unter ihren Ästen steht, spürt die Ruhe dieses Platzes. Wind, Schnee und Gewitter haben sie über Jahrhunderte geformt. Sie ist mehr als ein Baum - sie gehört zur Geschichte der Hochalm. Unter der alten Lärche fand auch meine Filzfigur, der uralte Berggeist Wölzan, seinen Platz. Als hätte er schon immer dort gewartet - zwischen Wurzeln, Steinen und Flechten. Die knorrigen Äste erzählen Geschichten, die älter sind als wir Menschen. Wölzan erinnert sich daran. Er stellt als Figur eine Ausdrucksform dar, die sich mystisch an die Kräfte der Berglandschaften annähert. Nicht immer nur lieblich schön, oder zu sehr verniedlicht und lieb, denn das ist die Natur nicht immer. Ganz im Gegenteil. Wölzan ist eher wie Fels, der erinnert, Wald, der lauscht, Wind, der Form annimmt, Erdung, Moos, Licht und Schatten.

Die Wallfahrtskirche Maria Schnee
Auf 1822 Metern Seehöhe steht die Wallfahrtskirche Maria Schnee. Seit Jahrhunderten kommen Menschen hierher - zum Beten, zum Innehalten oder einfach, um die Stille zu genießen. Der Name der Kirche soll auf die alte Legende "Maria Schnee" zurückgehen. Sie erzählt von einem wundersamen Schneefall mitten im Sommer, der den Bauplatz einer Kirche zeigte. Tatsächlich soll es hier in manchen Jahren im Sommer geschneit haben, wenn die Temperaturen sanken und ein plötzlicher Kälteeinbruch einige Probleme bereitete. Die schlichte, kleine Kirche, fügt sich harmonisch ins Landschaftsbild ein. Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Ausstrahlung.
Sagen und Geschichten
Wie viele alte Berglandschaften ist auch die Hochalm reich an Geschichten. Man erzählt von den Saligen Frauen, geheimnisvollen Wesen, die Hirten halfen und über die Natur wachten.
Von einem Jüngling vom Berg, der nur wenigen Menschen erschien und als Hüter der Berge galt. Frau Zeller geht in ihren Büchern ebenfalls auf ein paar alte Sagen ein, in denen sich Naturwesen den Menschen zeigten, verkörpert als junger Hirtenbub oder als ein älteres, gütiges Männlein. Manchmal auch in der Form eines Tieres. Ob wahr oder nicht - diese Geschichten gehören zur Seele dieses Ortes und so darf ich, nach meinem Besuch, eine eigene kleine Begebenheit dazu beitragen:
Je näher ich bei meiner Wanderung der Kirche kam, desto stiller wurde es. Bis zu den letzten hundert Metern war ich ganz alleine unterwegs. Kein Mensch war zu sehen.
Dann drehte ich mich um.
Hinter mir kam ein Mann den Weg herauf - überraschend schnell. Für einen Moment war ich fast enttäuscht. Gerade hatte ich die Einsamkeit und Stille so genossen.
Als ich mich noch einmal umsah, konnte ich ihn besser erkennen. Er ging barfuß über den Almweg, der stellenweise durchaus steinig und mit Nadeln bedeckt war. Dunkelblaue kurze Hose, ein ärmelloses, ausgewaschenes Shirt, grau-weißes Haar und ein kurzer Bart. Sein Gesicht wirkte ruhig und freundlich.
Ich wunderte mich. Wie konnte jemand auf diesem Weg barfuß so mühelos und schnell gehen? Ich nahm mir vor ihn zu fragen, ob ihn die Steine nicht in den Füßen schmerzen.
Doch dazu kam es nie.
Als ich mich wenige Augenblicke später wieder umdrehte, war der Mann verschwunden. Ich blieb stehen. Wartete. Blickte zurück. Ging einige Schritte weiter und sah noch einmal zurück. Niemand.
Vielleicht war er umgekehrt. Vielleicht hatte er einen Weg über die Alm genommen, den ich nicht bemerkt hatte. Eine einfache Erklärung wird es wahrscheinlich geben. Und doch blieb dieses kleine Erlebnis bei mir.
Als ich wenig später die Kirche erreichte, saßen dort zwei andere Wanderer, sowie es oben am ersten Bild in diesem Blogbeitrag zu erkennen ist. Zehn Minuten später füllte sich die Hochalm mit Menschen. Aber der barfüßige Mann war nicht darunter. Ich frage mich noch heute, wohin er plötzlich verschwunden ist.
Vielleicht ist gerade das das Besondere an manchen Orten. Nicht, dass sie alle Geheimnisse gleich so einfach preisgeben. Sondern, dass sie uns mit einem Geheimnis nach Hause schicken.
























Kommentare