Die Franzosen kommen
Peter Rosegger hat mich mit seiner Erzählung "Sechsunddreißig junge Nonnen" auf diese Geschichte gebracht. Darin lässt er einen dreiundsiebzigjährigen Mann aus Unzmarkt viele Jahre später von den Ereignissen der Franzosenzeit im Jahr 1797 erzählen. Genau diese Erzählweise hat mich fasziniert: eine alte Erinnerung, ein Ort voller Geschichte und die Frage, was davon wirklich geschehen ist. Ich habe daraus meine eigene Geschichte gemacht. Die sechsunddreißig jungen Nonnen mussten weichen - ihren Platz nimmt ein französischer Handwerker ein. Und an seiner Seite marschiert eine kleine Filzfigur, die sich für einen englischen Offizier hält: Lieutenant Arthur Wellington-Maus.

Überliefert wurde mir die folgende Geschichte von einem dreiundsiebzigjährigen Mann, der von sich selbst behauptete: "Die grauen Zellen machen Siesta."
Was davon also tatsächlich der Wahrheit entspricht und was nicht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Jedenfalls erzählte er mir die Ereignisse so, als hätte er die Franzosenzeit selbst miterlebt. Sein Geburtsort liegt im Murboden und heißt Unzmarkt.
"Die Franzosen kommen!" so begann der Mann zu erzählen...
Schon vor Wochen hatte man davon gehört, sie kamen aus Italien. Durchs Kärntnerland waren sie gezogen, hatten in den größeren Städten Feuer gemacht, viele Orte säuberlichst geplündert und waren weitergezogen - mit Geld, Schmuck, Essen und Trinken und auch mit dem einen oder anderen Mägdelein im Gepäck. Der Bonaparte, der mit ihnen kam, war als Weltherrscher streng und mehr an der Eroberung der Länder interessiert, als an den Mägdelein. Zum Länder erobern gehörte Kraft und alles andere machte schwach.
Halb Italien floh und auch den Kärntnern zog es den Boden unter den Füßen weg. Jeder, der mit Leib und Leben davon kommen wollte, hatte es eilig. Die Straßen von Neumarkt waren voller Flüchtlinge, die ihr Eigentum mit sich trugen, zogen, schoben und immerwährend in alle Richtungen blickten, ängstlich, ob der Feind schon da wäre. Unter ihnen war auch ein Handwerker namens Pierre Martin. Als er Frankreich verlies, besaß er nicht viel. Eine Werkzeugtasche, einen Mantel und einen zwölf Zentimeter kleinen Begleiter. Dabei handelte es sich um eine ungewöhnliche Maus.
Pierre Martin war kein Royalist und kein Revolutionär, sondern einfach jemand, der arbeiten wollte. Er war der Meinung, dass man mit einem guten Schnitzmesser wesentlich mehr anfangen konnte, als mit einem Gewehr. Seine Werkstatt wurde in den Wirren des Krieges zerstört und er verlor seine Existenzgrundlage. Und sein kleiner tierischer Begleiter verlor sein Zuhause. Sein Name war Arthur Wellington-Maus, und er war fest überzeugt, ein englischer Offizier zu sein.
Die beiden waren schon ein seltsames Gespann. Pierre Martin hatte die kleine Maus in seiner Werkstatt entdeckt. Sie lebte zwischen Holzspänen, Werkzeugen und den Vorräten, und da sie sich als ausgesprochen nützlich erwies, wenn es darum ging, unerlaubt an Käse zu gelangen, durfte sie bleiben.
Warum sie sich für einen englischen Offizier hielt, war allerdings eine andere Geschichte. Sie behauptete, ihre militärische Ausbildung habe sie in ihrer Jugendzeit erhalten. Pierre Martin hielt das für Unsinn. Die Maus dagegen war davon überzeugt, jahrelang in der Nähe eines englischen Militärlagers gelebt zu haben. Damals hatte sie den Soldaten sehr aufmerksam zugehört und kannte erstaunlich viele militärische Begriffe. Sie wusste, wie man marschierte, salutierte und sich im Notfall möglichst unauffällig hinter einem Sack Mehl versteckte.
Und in jenem Moment, als sie in Neumarkt von großer Unruhe umgeben waren, wusste die Maus sich besser zu orientieren als der Handwerker. Bauern trieben ihre Tiere fluchtartig vor sich her, Bürger zogen mit ihren voll beladenen Wagen vorbei, Amtsleute liefen mit ihren Kassen davon und dort, wo die schweren Wagen stecken blieben, herrschte überall große Hast, sie schnell wieder herauszuziehen. Priester und Nonnen kamen vom Stift St. Lambrecht, Maultiere und Esel transportierten ihre Habseligkeiten.
Pierre Martin wusste: Wenn sie auf der selben Straße blieben, würden sie womöglich direkt einer französischen Kolonne in die Arme laufen. Also gingen sie nicht einfach weiter über die Hauptstraße nach Unzmarkt, sondern versuchten, sich seitlich durch die Landschaft durchzuschlagen. Wellington-Maus rief dafür eine große militärische Lagebesprechung ein und breitete auf einem Stein einen völlig zerknitterten Fetzen Papier aus.
"Wir müssen nach Norden."
Pierre Martin schaute auf den Papierfetzen.
"Das ist eine Speisekarte."
"Eine ausgezeichnete Karte. Sie zeigt immerhin, wo es etwas zu essen gibt." behauptete die Maus selbstsicher.
Pierre Martin kannte sich als Handwerker mit Werkzeugen und Holz aus; Wellington behauptete, aufgrund seiner militärischen Ausbildung strategische Geländeerfahrung zu besitzen. Schließlich einigten sie sich auf einen schmalen Nebenpfad, der zunächst bergan in einen kleinen Wald führte und danach über eine Wiese, die zu einem Hof führte.
Dort gab es einen niedrigen Stall, ein Wohnhaus mit dunklen Fenstern und dahinter einen Holzschuppen, aus dem es nach frischem Harz und altem Holz roch. Pierre Martin blieb stehen und sah sich um.
"Hier könnten wir Glück haben."
Wellington-Maus setzte sich auf seine Schulter und musterte den Hof.
"Militärisch betrachtet ist die Lage ausgezeichnet."
"Warum?"
"Nur ein Zugang. Guter Überblick. Und dort hinten ein Hühnerstall."
Pierre Martin seufzte.
"Natürlich."
Noch bevor sie anklopfen konnten, kam der Bauer aus dem Stall. Er blieb stehen und betrachtete den Fremden mit seiner Werkzeugtasche.
"Was wollt Ihr? Wer seid Ihr?"
Pierre Martin nahm seinen Hut ab. In seinem schlechten Deutsch versuchte er zu erklären, dass er Handwerker sei und aus Frankreich geflohen war. Der Bauer erschrak, sobald er den französischen Akzent bemerkte.
"Der Herrgott möge unser aller gnädig sein! Die Franzosen sind gekommen!"
Er drehte sich um und rief nach Gretel, die ihm seine Flinte bringen sollte. Doch Pierre Martin bemühte sich weiter zu sprechen: "Ich nicht Feind, ich Handwerker. Ich kann arbeiten. Reparieren!"
Bei dem Wort reparieren hielt der Bauer inne. Neugierig fragte er: "Was könnt Ihr denn?"
Pierre Martin öffnete seine Werkzeugtasche und holte sein Schnitzmesser hervor. Der Bauer deutete auf einen alten Wagen neben dem Stall.
"Dann könnt Ihr vielleicht damit anfangen. Der Wagen ist beschädigt und wir können nicht weg von hier."
Eines der hölzernen Teile am Wagen war gebrochen. Pierre Martin kniete sich hin, untersuchte den Schaden und begann sofort, das passende Stück aus Restholz anzufertigen. Der Bauer beobachtete ihn zunächst schweigend doch zeichnete sich eine Erleichterung in seiner Mimik ab. Wellington-Maus beobachtete ebenfalls das ganze Geschehen. Nach einer Weile war die Reparatur geschafft. Pierre Martin richtete sich auf und klopfte sich die Holzspäne von den Händen. Der Bauer prüfte das Rad.
"Das hält."
Pierre Martin nickte.
"Dann könnt ihr für eine Nacht bleiben. Morgen früh geht es nach Unzmarkt. Möge uns der Feind bis dahin verschonen."
Wellington-Maus salutierte. Der Bauer sah die Maus und fragte verwundert:
"Redet die auch?"
Pierre Martin seufzte.
"Leider."
"Wer oder was genau ist das überhaupt? Ein Rotrock?"
Wellington-Maus trat einen Schritt vor.
"Lieutenant Arthur Wellington-Maus. Britische Armee."
Der Bauer schwieg einen Moment und schüttelte seinen Kopf.
"Verrückte Zeiten sind das! Absolut verrückt!"
Dann ging er zurück in den Stall und Wellington-Maus sah Pierre Martin empört an.
"Ich glaube, er hat meinen Rang nicht ausreichend gewürdigt."
"Das wird er vielleicht noch, kleiner Mäuserich."
"Das bezweifle ich."
Zum ersten Mal seit seiner Flucht, hatte Pierre Martin wieder ein Dach über dem Kopf und musste nicht darüber nachdenken, wohin er als nächstes gehen musste. Wellington-Maus kletterte auf einen Holzstappel neben dem Strohlager und hielt Wache.
"Das ist nicht nötig." sagte Pierre Martin.
"Es gibt keinen Grund, unprofessionell zu werden."
"Du bist zwölf Zentimeter groß."
"Ein taktischer Vorteil."
Pierre Martin musste zum ersten Mal seit langer Zeit lachen und schlief dann völlig erschöpft ein. Am Morgen reichte der Bauer ihm ein Stück Brot und etwas Speck. Pierre Martin wollte protestieren, doch der Bauer winkte ab.
"Bis Unzmarkt ist es nicht weit. Doch werdet Ihr etwas essen müssen und das ist mein Lohn für eure Arbeit."
Pierre Martin nahm das Essen dankbar entgegen und verabschiedete sich von dem Bauern. Auch Wellington-Maus bekam ein kleines Stück Käse und nun marschierten die beiden mit entschlossenem Gesichtsausdruck weiter. Der Hof lag bald hinter ihnen und vor ihnen führte der Weg weiter Richtung Unzmarkt. Immer wieder kamen ihnen Menschen entgegen, die ein Bündel auf ihrem Rücken trugen oder Tiere vor sich her trieben. Sie kamen von höher gelegenen Almen und gingen schweigend an ihnen vorüber. Unzmarkt war nicht mehr weit entfernt. Doch plötzlich blieb Wellington-Maus stehen.
"Halt."
Pierre Martin blieb ebenfalls stehen.
"Was ist?"
Die Maus hob die Pfote und lauschte.
"Hörst du das?"
Pierre Martin lauschte. Zunächst hörte er nur den Wind. Dann ganz eindeutig: Hufschläge. Mehrere Pferde. Dazu Stimmen. Wellington-Maus zog langsam seinen Säbel.
"Das sind Soldaten."
Pierre Martin sah in Richtung Unzmarkt. Über den Feldern lag ein dünner grauer Schleier. Sie waren der französischen Armee näher, als ihnen lieb sein konnte. Doch bis nach Unzmarkt regte sich nichts weiter. Als sie in den Ort einzogen, betete Pierre Martin still den Rosenkranz. Es dämmerte bereits, und sie machten sich auf die Suche nach dem Bürgermeister, den sie alsbald fanden. Er war ein alter, grauköpfiger Mann, begleitet von einem etwas jüngeren Herrn in grünem Rock, den Pierre Martin später als den örtlichen Forstmeister kennenlernen sollte. Der Handwerker nahm seinen Hut ab und verbeugte sich höflich.
"Monsieur...äh...Herr Bürgermeister? Ich bitte...ich darf mit Ihnen sprechen? Vielleicht Französisch? Oder Deutsch?"
Der Bürgermeister wurde blass.
"Französisch?"
Er sah sich hastig um.
"Sind die Franzosen etwa schon hier?"
Der Forstmeister, der inzwischen die Werkzeugtasche und die von Holspänen bedeckte Kleidung des Fremden bemerkt hatte, grinste.
"Vor diesem Franzosen brauchen wir uns wohl nicht zu fürchten. Von solchen lassen wir uns gern belagern."
Pierre Martin verstand zwar nicht jedes Wort, begrifft aber am Tonfall, dass es sich um einen Scherz handeln musste. Der Bürgermeister räusperte sich und sah den Forstmeister streng an.
"Bei uns wird Deutsch gesprochen. Wenn der Herr ein Anliegen hat, soll er es auf Deutsch vorbringen."
Pierre Martin holte tief Luft.
"Ich bin Pierre Martin. Ich bin Handwerker. Schnitzer. Ich komme aus Frankreich und bin geflohen. Ich suche Schutz. Ich kann arbeiten. Holz reparieren, schnitzen...was immer gebraucht wird."
Der Bürgermeister betrachtete ihn lange.
"Und warum sollten wir Euch aufnehmen?"
Pierre Martin öffnete seine Werkzeugtasche.
"Weil ich niemandem etwas wegnehmen will. Ich möchte nur arbeiten und in Frieden bleiben."
Der Forstmeister trat näher und betrachtete die Werkzeuge.
"Der Mann kann tatsächlich etwas."
"Das habe ich gerade gesagt", murmelte Pierre Martin.
Der Forstmeister grinste.
"Dann soll er es uns zeigen."
Der Bürgermeister nickte schließlich.
"Für diese Nacht findet Ihr einen Platz in der Kirche. Morgen sehen wir weiter."
Pierre Martin verbeugte sich tief.
"Danke."
In diesem Augenblick bemerkte der Bürgermeister etwas, das bisher niemand angesprochen hatte. Eine kleine weiße Maus saß auf Pierres Werkzeugtasche. Sie trug einen roten Mantel, einen winzigen schwarzen Hut und einen Säbel, der für ihre Größe erstaunlich beeindruckend aussah. Der Bürgermeister blinzelte.
"Und...was ist das?"
Pierre Martin seufzte.
"Das ist Lieutenant Arthur Wellington-Maus."
Der Forstmeister sah die Maus an und sagte: "Natürlich. Ein Mäuseoffizier."
Wellington-Maus salutierte.
"Lieutenant der britischen Armee."
Der Bürgermeister sagte nichts.
Der Forstmeister ebenfalls nicht.
Dann begannen sie zu lachen.
"Na, wenn das kein ungewöhnlicher Flüchtling ist." stellte der Bürgermeister belustigt fest.
Doch Pierre Martin bemerkte, dass Wellington-Maus plötzlich nicht mehr lachte.
Die Maus blickte aufmerksam auf die Straße.
"Wir sollten nicht zu lange hierbleiben."
Pierre sah die Maus neugierig an.
"Warum?"
Wellington-Maus senkte die Stimme.
"Weil sie mich suchen."
Zum ersten Mal war die Maus vollkommen ernst. Sie erzählte Pierre Martin schließlich, dass sie während ihrer Zeit in einem englischen Militärlager Dinge gehört hatte, die für die Franzosen von großem Interesse sein könnten. Marschwege. Truppenbewegungen. Namen. Gespräche, die sie sich gemerkt hatte. Niemand hatte ihr je geglaubt. Bis die Franzosen begannen, nach ihr zu suchen. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis auf der Straße plötzlich drei französische Soldaten auftauchten. Eine kleine Patroullie die näher kam. Wellington-Maus zog seinen kleinen Säbel.
"Sie sind wegen mir hier."
Pierre Martin sah seinen kleinen Begleiter ratlos an.
"Und was machen wir jetzt?"
Die Maus richtete sich auf.
"Jetzt, Lieutenant Martin, brauchen wir einen Plan."
"Ich bin kein Lieutenant."
"Das ist bedauerlich."
Doch bevor Pierre Martin darauf antworten konnte, sprang Wellington-Maus von der Werkzeugtasche und verschwand blitzschnell unter seinem Hemd.
"Was machst du?"
"Rückzug."
Die französischen Soldaten gingen schnurgerade auf Pierre Martin zu und sprachen ihn an.
"Wir suchen einen Engländer."
Pierre Martin wurde ganz still und schluckte.
"Einen Engländer?" fragte er auf französisch.
"Einen Offizier."
Der Soldat sah sich auf der Straße um.
"Er soll sich hier irgendwo befinden. Wir haben die Informationen vom Bürgermeister. Er sprach von einer höchst ungewöhnlichen Maus, die wie ein englischer Offizier gekleidet ist und sich auch für einen solchen ausgibt."
Pierre Martin versuchte zu lachen, gerade so, als ob er den lustigsten Scherz aller Zeiten gehört hätte.
"Hier gibt es keine höchst ungewöhnliche Maus, die ein englischer Offizier sein soll."
Der Soldat musterte ihn streng ohne mit der Wimper zu zucken.
"Ihr seid Franzose."
Pierre nickte.
"Ihr findet das wohl sehr komisch?"
Pierre nickte abermals.
"Was macht Ihr hier?"
Pierre zeigte auf seine Werkzeugtasche.
"Ich bin Handwerker."
Der Soldat betrachtete die Werkzeuge.
"Schnitzer?"
"Ja."
"Und Ihr habt keinen Engländer gesehen?"
Pierre schüttelte den Kopf.
"Nein."
"Morgen wird die Gegend an der oberen Mur voller Landsleute sein. Überlegt Euch gut, wem Ihr eure Dienste anbietet."
Die Nacht verbrachten Pierre Martin und Wellington-Maus in der Kirche, neben ein paar Flüchtlingen, die fast ununterbrochen flüsterten, und einigen Nonnen, die sich bemühten ein bisschen Trost und Zuversicht zu schenken, indem sie beteten. Das half jedoch nicht viel und so fand kaum jemand Schlaf. Pierre Martin lag auf einer harten Bank und lauschte in die Dunkelheit. Draußen waren immer wieder Stimmen zu hören, Wagen rumpelten durch den Ort und irgendwo schlug ein Pferd unruhig mit dem Huf. Wellington-Maus hatte sich in seine Werkzeugtasche verkrochen.
"Ich schlafe nicht", flüsterte er.
"Das höre ich."
"Ich halte Wache."
"Du schnarchst."
"Das ist kein Schnarchen. Das ist militärische Atemtechnik."
Pierre musste trotz seiner Müdigkeit lächeln. Am nächsten Morgen sah Unzmarkt anders aus. Schon in den frühen Stunden kamen die ersten Trupps über die Straße. Und es dauerte nicht lange, bis die Gegend an der oberen Mur von Franzosen erfüllt war. Pierre Martin hatte sich unter einem Torbogen verborgen und beobachtete das Treiben. Was da an Soldaten vorbeizog, sah allerdings wenig nach einer ordentlich aufgestellten Armee aus. Es war ein bunt zusammengewürfelter Haufen.
Der eine trug blaue Hosen, der nächste rote. Einer hatte einen langen weißen Rock an, der andere eine grüne, viel zu kurze Weste. Hier sah man blaue Strümpfe, dort nackte Beine und Füße. Die einen trugen runde Lodenhüte, die anderen Lederhauben. Manche hatten zerrissene Schuhe, bei anderen klebte sehr viel Dreck dran. Die Kleidung war löchrig, schmutzig und offenbar dort hergekommen, wo man sie gerade gefunden hatte. Dazwischen liefen Frauen und Kinder mit, nicht weniger zerlumpt als die Männer. Manche hatten sich Speckstücke über die Schulter gehängt, andere trugen gestohlenes Geflügel mit sich. Hühner baumelten an den Händen, Enten wurden unter den Armen getragen und manches Stück Vieh wechselte seinen Besitzer, ohne dass irgendjemand danach gefragt worden wäre.
Es war weniger der Anblick einer geordneten Armee als der einer unruhigen, hungrigen, plündernden Menschenmasse, die sich über das Land ergoss. Pierre Martin sah schweigend zu.
"Das sind sie also", murmelte er.
Wellington-Maus lugte aus der Werkzeugtasche.
"Das ist keine Armee."
Pierre Martin sah ihn an.
"Du bist doch der Militärexperte."
Die Maus schüttelte den Kopf.
"Ich habe schon bessere gesehen."
"Du warst doch selbst einmal bei einem Militärlager.
"Eben deshalb."
Pierre Martin musste wieder lächeln. Doch die Heiterkeit verschwand schnell. Denn während draußen immer mehr Franzosen durch Unzmarkt zogen, hatte sich im Inneren des Ortes bereits eine kleine Versammlung zusammengefunden. Der Bürgermeister hatte die wichtigsten Männer des Ortes in seinem Haus zusammengerufen. Der Forstmeister war ebenfalls dabei. Und es gab nur eine Frage, über die gesprochen werden musste: Was sollte mit dem französischen Handwerker und seiner höchst ungewöhnlichen Maus geschehen?
Der Bürgermeister berichtete von der Patroullie, die am Vorabend nach der Maus gefragt hatte.
"Sie wissen von ihr", sagte er.
Ein murmelndes Raunen ging durch den Raum.
"Dann liefern wir ihnen diese Maus aus", sagte einer.
Der Forstmeister sah ihn scharf an.
"Und wenn die Franzosen denken, dass wir sie versteckt haben?"
"Dann haben wir ein Problem."
"Das haben wir ohnehin", erwiderte der Forstmeister.
Der Bürgermeister schwieg.
Ein anderer Mann meldete sich.
"Was ist denn überhaupt so wichtig an dieser seltsamen Maus?"
Darauf wusste zunächst niemand eine Antwort.
Bis der Forstmeister sagte: "Vielleicht ist genau das die Frage."
Alle sahen ihn an.
"Ein Tier, das spricht, sich für einen englischen Offizier hält und von den Franzosen gesucht wird, ist jedenfalls kein gewöhnliches Tier."
"Und was haben wir davon, wenn wir den Franzosen einen Handwerker und eine Maus vorenthalten?", fragte jemand.
Der Forstmeister lehnte sich zurück.
"Vielleicht zunächst gar nichts."
Er machte eine Pause, dann fügte er nachdenklich hinzu: "Vielleicht aber auch alles."
"Einen guten Handwerker können wir gebrauchen!", rief jemand dazwischen.
Der Bürgermeister nickte langsam.
"Und die Maus?"
Da war es wieder still.
Pierre Martin stand vor dem Haus des Bürgermeisters und hatte jedes Wort mitangehört. Auch Wellington-Maus hatte die Unterhaltung mit gespitzten Ohren mitverfolgt, versteckte sich aber noch in der Werkzeugtasche, um nicht zuviel Aufsehen zu erregen. Plötzlich begann die Maus zu fiepen und flüsterte Pierres Namen.
"Was willst du?"
"Ich will dir sagen, warum sie mich suchen."
Pierre Martin nickte und antwortete: "Na gut, aber mach schnell."
"Ich habe einige Dinge gehört."
"Von wem?"
"Von den Engländern. Ich habe zugehört. Ich kenne ihre Märsche, ihre Befehle und ihre Gewohnheiten. Vor allem aber habe ich gelernt, worüber Offiziere sprechen, wenn sie glauben, niemand höre zu."
"Und worüber sprechen sie?"
"Über Wege. Brücken. Flüsse. Übergänge. Und darüber, wo ihre Verbündeten sind."
Pierre Martin runzelte die Stirn.
"Das soll wichtig sein?"
"Sehr. Ein guter Feldheer versucht nicht nur, den Feind zu schlagen. Er versucht, ihn daran zu hindern, sich mit seinen Freunden zu verbinden."
Pierre schwieg.
"Wenn zwei Heere gemeinsam stark kämpfen können", fuhr die Maus fort, "muss man sie voneinander trennen."
"Und du hast das alles bei den Engländern gehört?"
"Ja, ich habe zugehört. Bonaparte wird alles daran setzen, dass sich seine Feinde immer wieder trennen. Und obwohl ihnen das bewusst ist, werden sie sich täuschen lassen. Denn niemand ist in der Lage, das alles zu überblicken. Aber ich, ich bin eine kleine Maus. Ich kann zwischen den Lagern hin und her laufen und meine kleinen Geheimnisse verraten. Warte es nur ab, das kann in naher Zukunft noch sehr nützlich sein."
"Du bist eine merkwürdige Maus, Arthur Wellington", sagte Pierre Martin.
"Das weiß ich."
"Und warum heißt du eigentlich Wellington?"
Die Maus lugte ein wenig aus der Werkzeugtasche und lächelte geheimnisvoll.
"Das wird sich noch zeigen."
Und so geschah es, dass Pierre Martin mit Wellington-Maus das Haus des Bürgermeisters betrat, und vor der Versammlung zu sprechen begann. Innerhalb weniger Minuten waren die Leute von Unzmarkt davon überzeugt, sowohl den Handwerker als auch dessen ungewöhnliche Maus mit Leib und Leben zu beschützen. Wenn das nicht ausreichen sollte, dann mit einer kleinen List, die die französischen Soldaten in die Irre führen sollte.
Ganz so schlimm schlug der Feind dann aber doch nicht in Unzmarkt zu. Zwar begehrten die Franzosen Gut und Geld, Gewandung und Nahrung. Aber am Leben ließen sie doch fast alle. Viele Jahre später sollte ein britischer Feldherr namens Arthur Wellessley, Duke of Wellington, gemeinsam mit den verbündeten Truppen Napoleon bei Waterloo gegenüberstehen. Dass die preußischen Truppen unter Blücher rechtzeitig zu den Engländern stießen und vereint mit ihnen gegen Napoleon kämpften, sollte entscheident für den Sieg über die Franzosen sein. Ob Lieutenant Arthur Wellington-Maus davon bereits im Jahre 1797 etwas geahnt hatte, lässt sich heute nicht mehr feststellen.





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