Wölzan und Wurzeltrude
Eine Kurzgeschichte aus den Wölzertauern
In den Wölzertauern lebt Wölzan, ein uralter Berggeitst, der jedes Rascheln hört und jeden Bachnamen kennt. Normalterweise spricht er kaum mit Menschen oder anderen Naturwesen. Er spricht überhaupt sehr wenige Worte.
Doch heute ist etwas anders.
Seit Tagen stimmt etwas nicht im Wald.
Die Wurzeltrude ist völlig aufgebracht. Sie hat Wölzan schon mehrmals erzählt, dass sich die Tiere im Wald seltsam verhalten.
"Die Krähen fliegen nachts. Die Rehe bleiben still im Unterholz stehen. Und gestern hat sogar der Wind plötzlich nach Stein gerochen!"
Wölzan hört aufmerksam zu. Er streicht sich durch seinen langen Bart, der bereits mit Moos und kleinen Fichtennadeln durchsetzt ist.
"Der Wald merkt Dinge früher als wir", murmelt er.
"Das sag ich doch!", ruft die Wurzeltrude.
Die beiden diskutieren heftig.
Die Wurzeltrude glaubt, tief unter dem Berg sei etwas erwacht - etwas Altes, das man besser hätte schlafen lassen sollen.
Wölzan dagegen meint, der Wald selbst wolle nur geprüft wissen, ob die Menschen noch hören können.
Während sie reden, knacken irgendwo Äste im Dickicht. Beide verstummen.
Knack.
Dann:
RUMMS.
Wölzan hebt langsam den Kopf.
"Hast du das gehört?"
Die Wurzeltrude nickt.
"Ich habe es doch die ganze Zeit gesagt!"
Wieder ein Geräusch.
KRACK - RUMMS - SCHRAPPPP.
Es klingt, als würde irgendwo im Wald ein Riese Bäume zerlegen.
Die beiden schleichen vorsichtig in Richtung des Lärms.
Hinter einer Fichte bleiben sie stehen. Nichts. Nur ein kleiner Bach, der friedlich zwischen den Steinen dahinplätschert.
"Siehst du?", flüstert Wölzan. "Nichts."
Da ertönt es wieder. KRACK! Ein Ast fällt ins Wasser. PLATSCH!
Die Wurzeltrude zieht erschrocken den Kopf ein. "Das ist kein gewöhnlicher Ast."
Wölzan kneift die Augen zusammen.
"Nein."
"Ein Waldgeist?"
"Möglich."
"Ein Berggeist?"
Wölzan sieht sie beleidigt an....
"Davon gibt es bereits einen und zwar schon ziemlich lange."
"Ein Baumriese?"
Wölzan überlegt.
"Zu klein."
"Ein verärgerter Troll?"
"Zu laut."
Wieder: KRACK - RUMMS - PLATSCH!
Plötzlich taucht am anderen Ufer etwas Braunes auf. Es verschwindet weiter. Dann erscheint es erneut. Zwei kleine schwarze Augen schauen sie an. Wölzan und Wurzeltrude halten den Atem an. Das Wesen schiebt sich langsam aus dem Wasser.
Braunes Fell.
Schnurrhaare.
Ein breiter Kopf.
Und zwei mächtige Schneidezähne.
Die Wurzeltrude flüstert:
"Wölzan...."
"Ja?"
"Ich glaube, er hat Zähne."
"Das sehe ich."
Das Wesen schnappt sich einen dicken Ast und verschwindet im Gebüsch. Kurz darauf hören sie: KRACK!
Wölzan blinzelt.
"Ein Biber."
Die Wurzeltrude ist sichtlich enttäuscht. "Ein Biber?"
"Ein sehr großer Biber."
Sie folgen ihm. Und dann bleiben sie beide sprachlos stehen. Vor ihnen erstreckt sich ein Bauwerk, wie es die Wölzertauern noch nicht gesehen haben. Äste, Stämme, Zweige, Rinde, Schlamm und Steine türmen sich quer über den Bach. Der Damm ist riesig.
Unverschämt riesig.
Das Wasser staut sich bereits dahinter und bildet einen kleinen See. Und mitten im Chaos arbeitet der Biber. Er schleppt einen Ast. Legt ihn ab. Dreht ihn. Schiebt ihn zurecht. Beißt daran. Zieht. Schiebt. Und beginnt wieder von vorne.
Die Wurzeltrude starrt ihn an.
"Das ist er also."
"Wer?" fragt Wölzan.
"Der Erwachte."
Wölzan sieht zum Biber. Dann zum Damm. Dann wieder zum Biber.
"Nein."
"Doch."
"Das ist kein uraltes Wesen."
"Woher willst du das wissen?"
Wölzan räuspert sich und schweigt kurz. Dann deutet er auf den Biber.
"Weil er gerade versucht, einen Baumstamm zu verschieben, der größer ist als er selbst."
Der Biber hält inne. Er schaut die beiden an. Dann schlägt er mit seinem Schwanz auf das Wasser.
KLATSCH!
Die Wurzeltrude macht einen Satz zurück. "Er hat uns bemerkt!"
Der Biber taucht unter. Stille. Eine Sekunde. Zwei. Dann kommt sein Kopf wieder aus dem Wasser. Und plötzlich hören sie eine Stimme.
"Servus!"

Wölzan und Wurzeltrude schauen sich an.
"Er kann sprechen!", flüstert die Wurzeltrude.
Der Biber schwimmt näher.
"Sepp."
"Was?"
"Sepp Holzinger."
Wölzan runzelt die Stirn.
"Du bist ein Biber."
"Freilich."
"Und was machst du hier?"
Sepp zeigt mit der Schnauze auf seinen Damm. "Bauen."
Die Wurzeltrude blickt auf das gewaltige Bauwerk. "Seit wann?"
Sepp überlegt. "Seit einiger Zeit."
"Und wann bist du fertig?"
Sepp schaut auf den Damm. "Wenn ich fertig bin."
Wölzan nickt langsam. Das leuchtet ihm ein. Die Wurzeltrude aber ist noch nicht überzeugt.
"Aber warum arbeitest du Tag und Nacht?"
Sepp schaut sie verständnislos an.
"Weil ich einen Damm baue."
"Aber warum den größten Damm, den das gesamte Murtal jemals gesehen hat?"
Sepp grinst. "Kleiner kann doch jeder."
Wölzan muss plötzlich lachen. Es ist ein seltenes Geräusch. So selten, dass irgendwo im Wald sogar eine Krähe erschrocken auffliegt. Die Wurzeltrude sieht ihn empört an.
"Was ist daran so lustig?"
Wölzan wischt sich eine Fichtennadel aus dem Bart. "Nichts." Er schaut zum Damm. Dann zu Sepp. Dann wieder zum Damm.
"Ich glaube, wir sollten die Menschen warnen."
"Wovor?"
Wölzan zeigt auf das Wasser. "Vor Hochwasser."
Sepp schüttelt den Kopf.
"Noch nicht."
"Noch nicht?"
"Der Damm ist noch nicht fertig."
Wölzan seufzt. Die Wurzeltrude schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Und irgendwo im Wald beginnt wieder:
KRACK.
RUMMS.
PLATSCH.
Sepp Holzinger arbeitet wieder. Tag und Nacht. Denn schließlich soll es einmal der größte Biberdamm werden, den das gesamte Murtal jemals gesehen hat.
Und Wölzan?
Der hat beschlossen, künftig etwas genauer hinzuhören. Man weiß ja nie, was im Wald vor sich geht. Manchmal erwacht ein uralter Berggeist. Und manchmal baut einfach nur Sepp Holzinger seinen Damm.





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