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Die Almkobolde - die Hütte gehört uns

26. Okt.
8 Min. Lesezeit

Eine frei erfundene Almsage, inspiriert von Samhain - der alten Schwellenzeit zwischen Sommer und Winter....



Greim (südliche Wölzer Tauern)


Der letzte Oktobertag war angebrochen. Über den Gipfeln der Berge hing ein bleigrauer Himmel, und aus den Wäldern kroch der Nebel, als wollte er die Welt langsam verschlucken.

Auf der Hochalm war es still geworden. Vor wenigen Tagen waren die anderen Sennerinnen und Hirten mit den letzten geschmückten Kühen ins Tal aufgebrochen. Ihre Schellen hatten noch lange zwischen den Felswänden geklungen, bis auch der letzte Ton im Tal verschwunden war. Nur Magdalena war geblieben.

Eine ihrer Kühe, die alte Graue, sollte bald kalben. Das Tier war unruhig gewesen, hatte das Futter stehen lassen und sich immer wieder hingelegt. Magdalena wollte es nicht alleine lassen. Sie kannte die Kuh seit Jahren, hatte sie schon als Kalb versorgt und wusste, dass sie ihre Hilfe brauchen würde.


"Bald bringe ich dich hinunter", hatte sie dem Tier versprochen. "Und dann sperren wir die Hütte zu und lassen den Winter kommen."


Sie wusste nicht, dass die Hütte längst andere Pläne hatte.


Magdalena hatte den ganzen Vormittag gearbeitet. Sie wollte die letzten Vorräte ordnen, bevor sie die Alm verließ. Im kleinen Milchkammerl standen die schweren Holzregale, auf denen noch ein kleiner Laib Käse aus den vergangenen Wochen reifte. An den Balken hingen Tücher zum Trocknen, und der Geruch von frischer Milch, Rauch und altem Holz lag in der Luft. Sie hatte die Morgenmilch durch ein sauberes Leinentuch in einen großen Kupferkessel gegossen. Der hing an einer eisernen Kette über dem Herdfeuer. Früher hatte ihr Großvater darin die Milch erwärmt, und noch immer glänzte das Metall dort, wo viele Hände es über Jahrzehnte blank gerieben hatten.


Magdalena verarbeitete die letzte Milch der Saison, damit sie nicht verdarb. Mit einem langen hölzernen Rührstab bewegte sie die erwärmte Milch immer wieder, damit nichts am Boden ansetzte. Als die richtige Temperatur erreicht war, gab sie die vorbereitete Käsekultur und das Lab hinzu. Dann deckte sie den Kessel ab und wartete, bis die Milch stockte.


Draußen rüttelte der Wind an den Fensterläden.


Als die Milch zu einer festen, puddingartigen Masse gestockt war, nahm Magdalena die lange Käseharfe und schnitt die weiße Masse behutsam in kleine Würfel. Langsam begann sich die gelbliche Molke abzusondern. Sie erhitzte die Masse noch einmal vorsichtig und schöpfte schließlich den Käsebruch in ein mit Tuch ausgelegtes Holzmodel. Die Molke blieb im Kessel zurück.

Normalerweise war es ein friedliches Geräusch, wenn sie den Kessel nach der Arbeit reinigte. Ein leises Gluckern, das Knistern des Feuers und manchmal ein Tropfen, der von der Decke fiel. Doch heute hörte Magdalena etwas anderes. Als sie die restliche Molke mit einem Holzlöffel bewegte, gab der Kessel einen tiefen, vibrierenden Ton von sich.


Bong.


Sie hielt inne. Der Ton schien aus dem Inneren des Kupfers zu kommen, obwohl sie den Löffel nicht mehr bewegte.


Booong.


Magdalena runzelte die Stirn. Vielleicht hatte sich das Metall durch die Hitze verzogen. Sie nahm den Kessel vom Feuer und stellte ihn auf die steinerne Herdplatte. Da ertönte es wieder. Dreimal kurz.


Tok. Tok. Tok.


Wie Knöchel, die von innen gegen den Kessel klopften. Magdalena ließ den Löffel fallen.


"Altes Eisen", murmelte sie. "Nichts als altes Eisen."


Doch als sie sich zum Fenster umdrehte, sah sie draußen zwischen den Fichten zwei kleine blaue Lichter. Sie standen knapp über dem Boden, bewegten sich seitwärts und verschwanden hinter dem Holzschuppen. Magdalena kannte diese Lichter. Ihr Großvater hatte davon erzählt. Und er hatte dabei nie gelacht.






Als Magdalena noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte ihr Großvater von den Almkobolden erzählt. Er sprach davon, dass sie in Felsspalten, unter alten Wurzeln und in den Fundamenten verlassener Hütten lebten.


"Sie sind nicht größer als ein Holzscheit", hatte er gesagt, "aber ihre Köpfe sind breit wie ein alter Krautkopf. Ihre Rücken sind krumm, ihre Arme zu lang, und ihre Finger dünn wie dürre Wurzeln. Manche haben Bärte aus Moos, andere Haare, die aussehen wie verkohlte Spinnweben. Ihre Augen leuchten blau oder grün, und ihre Füße zeigen manchmal nach hinten, damit niemand ihre Spur richtig lesen kann."


Sie trugen kleine Westen aus Rinde, Moos und Fetzen alter Stoffe. An ihren Gürteln hingen Knochen, rostige Schlüssel und winzige Glöckchen, die keinen Ton von sich gaben. Am schlimmsten waren ihre Münder. "Wenn sie lachen", hatte der Großvater geflüstert, "hörst du nicht einen Kobold. Du hörst alle, die jemals unter diesem Berg gelebt haben."


Die Kobolde, so erzählte er, mochten die Almhütten nicht, weil sie Menschen nicht ausstehen konnten. Sie wollten die Hütten für sich alleine, weil die Menschen ihnen etwas ohne zu fragen genommen hatten: die warmen Höhlen und trockenen Spalten, in denen ihre Vorfahren einst gelebt hatten. Als die Bauern ihre Hütten bauten, hatten sie Steine aus alten Koboldgängen verwendet, Wurzeln aus ihren Verstecken gerissen und Feuer dort entzündet, wo die kleinen Wesen ihre Winter verbrachten.


Seitdem warteten die Kobolde auf ihre Gelgenheit. Jeden Herbst, wenn das Vieh ins Tal zog und die Hütten leer standen, krochen sie aus ihren Verstecken. Sie schoben sich durch Ritzen, drückten die Fensterläden auf und setzten sich auf die Bänke am Herd. Sie schliefen in den Betten, tranken die letzten Tropfen aus vergessenen Krügen und rissen übriggebliebene Vorräte auf. Doch das genügte ihnen nicht.


"Wenn du sie einmal in der Hütte wohnen lässt", hatte ihr Großvater gesagt, "dann gehört sie nicht mehr dir. Dann gehört sie dem Berg."


Einmal, in seiner Jugend, war er selbst im Herbst auf der Alm geblieben. Er hatte behauptet, nachts ein winziges Wesen auf seiner Bettdecke gesehen zu haben, das mit seinen langen Fingern über sein Gesicht strich. Am nächsten Morgen waren alle Türen von innen verriegelt gewesen, und auf dem Herd hatte ein fremder, schwarzer Kessel gestanden.

Seit jener Nacht hatte der Großvater nie wieder alleine auf einer Alm übernachtet. Magdalena hatte die Geschichte damals für eine Erfindung gehalten.


Es begann mit einem Geräusch unter dem Fußboden. Ein Kratzen, als würde jemand mit kleinen Krallen über die Dielen fahren. Magdalena band sich einen Schal um und ging zur Tür. Der Wind war eingeschlafen. Die Fichten standen reglos, und der Nebel hing so dicht zwischen ihnen, dass der Holzschuppen kaum noch zu erkennen war. Als sie näher kam stand ein kleines Wesen davor. Es trug eine Weste aus dunkler Rinde, und sein Kopf war so breit, dass die spitzen Ohren fast waagrecht abstanden. Der Bart reichte ihm bis zum Bauch. In den Augen brannte blaues Licht. Es grinste.


Dann öffnete es den Mund, und Magdalena sah Reihen winziger, schwarzer Zähne.


"Die Hütte ist bald leer", krächzte es. Magdalena erstarrte. Aus dem Nebel kamen weitere Wesen. Eines saß auf einem Stein und schaukelte mit den Beinen. Ein anderes kroch auf allen vieren über den Boden, wobei seine Füße nach hinten zeigten. Ein drittes trug einen alten Schlüssel, der bei jeder Bewegung gegen seine Rippen schlug.


"Bald", flüsterten sie.

"Bald."

"Bald gehört sie uns."


Magdalena lief zurück und schlug die Tür zu. Sie schob den schweren Riegel vor und presste sich mit dem Rücken dagegen. Draußen begann etwas über die Bretter der Hütte zu kratzen. Dann kratzte es an der Tür. Am Fenster. An der Decke. Es klang, als wären Dutzende kleiner Hände auf einmal über die Hütte gekrochen. Und aus dem Kessel auf dem Herd kam wieder dieser tiefe Ton.


Booong.


Magdalena sah angsterfüllt zum Kupferkessel. Auf seiner Innenseite bewegte sich etwas Dunkles. Die Molke, die sie darin zurückgelassen hatte, kräuselte sich, obwohl der Kessel längst vom Feuer genommen war. Dann stieg eine kleine Blase auf. Sie platzte. Und aus dem Kessel kam eine Stimme.


"Magdalena!"


Sie kannte die Stimme. Es war die ihres Großvaters.


"Magdalena, mach die Tür auf."


Ihre Knie wurden weich. Der Großvater war seit Jahren tot.


"Kind", flüsterte die Stimme. "Es ist zu spät."


Ein lautes Muhen ließ Magdalena zusammenfahren.


Die Graue!


Sie hatte die Kuh ganz vergessen. Das Tier stand im Stall neben der Hütte. Sie hörte es scharren und gegen die hölzerne Abtrennung treten. Dann folgte ein langes, gepresstes Brüllen. Die Kuh kalbte.


Magdalena griff nach der Laterne und riss die Hintertür auf. Sie musste zum Stall- was immer draußen auf sie wartete. Der Hof lag in dichtem Nebel. Auf dem Weg zum Stall glaubte Magdalena kleine Gestalten zwischen den Holzstößen hin und her huschen zu sehen und sie hörte ein Kichern über sich, dann ein Flüstern dicht hinter ihrem Ohr.


"Sie bleibt hier."

"Das Kalb bleibt hier."

"Alles bleibt hier."


Magdalena erreichte den Stall in dem es warm und feucht war. Die Graue lag auf dem Stroh, die Flanken bebten, und ihre Augen waren weit aufgerissen. So schnell sie konnte entzündete Magdalena die Laterne damit sie besser sehen konnte. Leise redete sie auf die Kuh ein und untersuchte vorsichtig, wie weit die Geburt fortgeschritten war. Das Kalb kam mit den Vorderbeinen und dem Kopf zuerst. Magdalena wartete auf die nächste Wehe und half nur mit sanftem Zug. Schließlich glitt das Kalb ins Stroh. Es war ein kleines, dunkles Tier mit weißen Flecken auf der Stirn. Die Graue begann sofort, ihr Junges abzulecken. Das Kalb schüttelte den Kopf und versuchte, die Beine unter den Körper zu bringen. Magdalena atmete erleichtert auf. Da hörte sie ein leises Klopfen an der Stalltür.


Tok. Tok. Tok.


Sie drehte sich um. Unter der Tür schoben sich dünne, schwarze Finger durch.


"Wir wollen nur das Kalb sehen", flüsterte eine Stimme.


Magdalena packte die Laterne und stellte sich zwischen die Kuh und die Tür.


"Verschwindet endlich!"


Ein schrilles Lachen antwortete ihr.


Die Tür begann sich nach innen zu biegen. Das Holz ächzte. Auf der anderen Seite kratzten Dutzende kleiner Krallen über die Bretter. Die Graue richtete sich halb auf und stieß ein tiefes, drohendes Brüllen aus. Für einen Augenblick wurde es still. Dann sprach eine andere Stimme von draußen. Sie war älter, tiefer und so kalt, dass Magdalena das Gefühl hatte, das Blut in ihren Adern würde gefrieren.


"Du hast unser Haus genommen."


Die Tür bebte.


"Du hast unser Feuer entzündet."

"Du hast unseren Boden betreten."


Die Laterne flackerte.


"Und jetzt hast du uns neues Leben gebracht."


Magdalena sah das Kalb an. Es lag dicht an seiner Mutter und zitterte. Dann erinnerte sie sich an die Worte ihre Großvaters. Wenn du sie einmal in der Hütte wohnen lässt, gehört sie nicht mehr dir.


"Das Kälbchen bekommt ihr nicht!" rief Magdalena und nahm es vorsichtig an den Vorderbeinen, um es noch näher an seine Mutter zu schieben. Dann griff sie nach dem alten eisernen Stallkreuz, das über dem Eingang hing, und hielt es hoch. Die Tür sprang auf und die Kobolde drängten in den Stall. Ihre Rücken wirkten gekrümmt, sie kreischten und ihre Münder waren voller schwarzer Zähne. Sie liefen seitwärts, rückwärts, krochen über die Balken und sprangen von einem Pfosten zum nächsten.


"Gib uns das Kalb!" zischte einer.


Magdalena wich nicht zurück. "Nein!"


Der Kobold neigte den Kopf und sein Grinsen wurde breiter.


"Dann bleiben wir."


Hinter ihm begannen die anderen zu lachen. Das Geräusch füllte den Stall, drang durch die Bretter und schien tief unter der Erde beantwortet zu werden. Die Graue erhob sich und brüllte, dass die Balken nur so zitterten. In diesem Moment ertönte irgendwo von draußen eine Glocke. Ein einziger, klarer Ton. Die Kobolde verstummten. Dann erklang die Glocke ein zweites Mal. Und ein drittes. Die kleine Gruppe wich zurück. Einer hielt sich die Ohren zu. Ein anderer begann zu zischen, als hätte man ihn mit heißem Wasser übergossen. Die Kobolde starrten Magdalena an.


"Wir kommen wieder", sagte der vorderste, dann sprang er rückwärts durch die offene Stalltür. Die anderen folgten ihm. Sie verschwanden im Nebel, zwischen den Steinen und unter den Wurzeln der Fichten. Ihr Lachen wurde leiser, bis nur noch die Kirchenglocken aus dem Dorf zu hören waren. Magdalena zitterte am ganzen Leib und sank ins Stroh. Die Graue stupste sie mit ihrer warmen Nase an. Sie begann zu weinen, ohne zu wissen, ob vor Angst oder Erleichterung. Dann versorgte sie die Graue und das Kalb, packte so schnell sie konnte die letzten Vorräte zusammen und machte sich an den Abstieg. Das Kalb war noch zu schwach, um den ganzen Weg zu laufen. Sie wickelte es in eine alte Wolldecke, legte es in einen Tragekorb und befestigte diesen so gut sie konnte auf ihrem Rücken. Die Graue führte sie am Strick.









 
 
 

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