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Wenn Bäume Geschichten erzählen

3. Aug.
4 Min. Lesezeit

Über Ask und Embla, alte Linden und warum Mythen bis heute unsere Seele berühren...


Denn manchmal erzählen Geschichten eine Wahrheit,

die sich nicht messen lässt,

aber tief im Herzen wiedererkannt wird



Bodypainting Kunstprojekt "Baum" in Kooperation mit  Glock Karina aus dem Jahr 2014
Bodypainting Kunstprojekt "Baum" in Kooperation mit Glock Karina aus dem Jahr 2014


Seit Anbeginn der Menschheit erzählen sich Menschen Geschichten über ihre Herkunft. Nicht, weil sie naturwissenschaftliche Antworten geben wollten, sondern weil sie verstehen wollten, welchen Platz der Mensch in der Welt einnimmt. Eine der schönsten Erzählungen stammt aus der nordischen Mythologie.


Nachdem die Welt erschaffen worden war, gingen Odin, Hönir und Lodur am Meeresufer entlang. Dort fanden sie zwei angeschwemmte Baumstämme. Aus einer Esche erschufen sie den ersten Mann und nannten ihn Ask.

Aus einem zweiten Baum - meist als Ulme gedeutet - entstand die erste Frau: Embla.

Doch zunächst waren beide nur stilles Holz. Erst als Odin ihnen den Atem schenkte, Hönir den Verstand und Lodur Blut, Wärme und Gefühle, wurden sie lebendig.


Mich berührt dieser Mythos jedes Mal aufs Neue. Nicht weil ich ihn als historische Wahrheit verstehe. Sondern weil er etwas erzählt, das vielleicht viel tiefer reicht. Der Mensch steht hier nicht über der Natur. Er wächst aus ihr hervor. Nicht aus Gold. Nicht aus Stein. Nicht aus Macht. Sondern aus lebendem Holz.


Der Mensch ist nach der nordischen Vorstellung kein Fremder in der Natur. Er ist aus demselben Holz gewachsen wie der Wald.


Dieses Bild begegnet uns erstaunlich oft auf dieser Welt. In vielen Kulturen entstehen die ersten Menschen aus etwas, das bereits zur Erde gehört. Im biblischen Schöpfungsbericht wird der Mensch aus Erde geformt. In der griechischen Mythologie formt Prometheus den Menschen aus Lehm. Aus zahlreichen indigenen Völkern geht hervor, dass Menschen aus Erde, Pflanzen oder den Landschaften selbst hervorgegangen seien. Nicht überall sind es Bäume - doch fast überall bleibt dieselbe Botschaft: Der Mensch gehört zur Erde.


Auch im Baltikum spielen Bäume bis heute eine besondere Rolle. In Lettland gelten Eichen, Linden und Birken seit Jahrhunderten als heilige Bäume. In den alten lettischen Volksliedern, den Dainas, begegnen sie uns immer wieder als Sinnbilder für Leben, Familie und die Verbindung zwischen Menschen und Natur.


Das bekannte lettische Lied "Koki" bedeutet "Bäume" - besingt genau diese tiefe Verbundenheit. Die Bäume erscheinen darin nicht bloß als Pflanzen, sondern als stille Begleiter des Lebens, als Zeugen der Zeit und als Träger von Erinnerungen. Beim größten Sängerfestival Lettlands, singen bis zu 40.000 Menschen gemeinsam dieses Lied. Dieses gemeinsame Singen hat etwas besonders Verbindendendes und Kraftspendendes und ich bekomme jedes Mal eine Gänsehaut, wenn soviele Menschen über Bäume singen.


Nationwide Latvian Song and Dancer Festival (es gilt als größtes Chorfestival der Welt)


Wenn ich durch einen alten Wald gehe, entdecke ich immer wieder Bäume, die aussehen, als würden sie miteinander sprechen. Verwachsene Buchen, knorrige Eichen, mehrstämmige Linden. Manchmal lehnen sie sich so eng aneinander, als würden sie sich seit Jahrhunderten umarmen.




Unsere Vorfahren erzählten sich, dort wohnen Waldgeister, Ahnen oder schützende Naturwesen. Ob man das damals wörtlich glaubte oder symbolisch verstand, wissen wir heute nicht mehr. Sicher ist jedoch: Solche Bäume wurden mit Ehrfurcht behandelt. Vielleicht standen Menschen schon vor tausenden Jahren vor genau solchen verwachsenen Stämmen und dachten: "So könnten Ask und Embla ausgesehen haben."

Natürlich ist das keine historische Erklärung. Aber eine wunderschöne Vorstellung. Sie zeigt, wie eng Naturbeobachtung und Geschichten miteinander verwoben sind. Und vielleicht sollten wir uns gar nicht fragen: "Ist das wahr?" Sondern: Warum haben Menschen das wohl erzählt? Was wollten sie damit ausdrücken?

Weil Mythen uns nicht nur erzählen, woher wir kommen. Sie erinnern uns daran, wie wir der Welt begegnen können.


Einer meiner Lieblingsbäume im Sommer ist die Linde. Kaum ein Baum wurde im europäischen Brauchtum so sehr verehrt wie die Linde. Unter ihrer Krone wurde getanzt, gefeiert, Recht gesprochen und gelacht. Sie war Mittelpunkt des Dorfes. Ein Ort der Begegnung. Ihre herzförmigen Blätter machten sie zum Sinnbild der Liebe. Ihr süßer Duft kündigt bis heute den Hochsommer an und lockt unzählige Bienen. Die Linde erinnert mich daran, dass Gemeinschaft, Freude und Zärtlichkeit ebenso zum Leben gehören wie Arbeit und Pflichterfüllung. Deshalb habe ich eine kleine Wichtelfrau gefilzt, die sich ganz und gar in den Diens der Linde gestellt hat. Hier ist ihre Geschichte....



Alma, die Geschichtenhüterin der Sommerlinde



Die gütige Wichtelfrau Alma
Die gütige Wichtelfrau Alma

Jeden Sommermorgen besucht die kleine Wichtelfrau Alma ihre alte Linde.

Mit ihren braunen Holzschuhen streift sie durch das taunasse Gras, sammelt Schafgarbe und Dost, streicht über die Blätter des Frauenmantels und bleibt schließlich unter dem großen Baum stehen.


Sie legt ihre kleine Hand an die warme Rinde.

"Guten Morgen, liebe Linde", flüstert sie.


Der Wind antwortet mit einem leisen Rascheln. Ein paar Blüten tanzen zu Boden, während die Bienen ihr altes Sommerlied summen. Die Wichtelfrau schließt die Augen. Sie hört keine Worte. Und doch erzählt die Linde:


Von den Hochzeiten, die unter ihrem Blätterdach gefeiert wurden.

Von den Kindern, die lachend um ihren Stamm liefen.

Von alten Frauen, die Heiltee aus ihren Blüten kochten.

Von Musik, Tanz und langen Sommerabenden.

Von Menschen, die sich versöhnten.

Von Liebenden, die ihre Namen in ihre Rinde schnitzten.

Von Generationen die kamen und gingen.


Als Alma ihre Augen wieder öffnet, lächelt sie. Sie pflückt keine Blüte. Sie nimmt keinen Ast. Sie nimmt nur eines mit nach Hause: Ein Herz voller Dankbarkeit.




 
 
 

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