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Tintagel – Meer, Mythos und der innere Kompass

19. Juni
4 Min. Lesezeit

Tintagel liegt an der wilden Nordküste Cornwalls, dort, wo die Klippen steil in den Atlantik abfallen und das Meer seit Jahrtausenden Felsen formt. Zwischen Wind, Wellen und weiter Horizontlinie entstand einer der berühmtesten Sagenorte Großbritanniens. Doch es waren nicht allein die Geschichten von Arthur und Merlin, die mich hierherführten. Es ist die unbändige Sehnsucht und Neugier nach mystischen Orten, historischen Spuren und den Kräften der Natur, die mich wie ein innerer Kompass dorthin ziehen, wo Meer, Wind, Fels und alte Legenden aufeinandertreffen.



Tintagel Castle
Tintagel Castle


Tintagel gilt laut der Arthur Sage als legendärer Geburts- und Zeugungsort von König Arthur, ermöglicht durch Merlins Magie. Igraine galt als außergewöhnlich schöne Frau und Uther Pendragon verliebte sich in sie. Auf Rat von Merlin nahm Uther durch seine Magie die Gestalt von Gorlois an, Igraines Ehemann und Herzog von Cornwall. Nachdem Gorlois in den Krieg zog und Igraine zur Sicherheit nach Tintagel gebracht wurde, gelangte der verwandelte Uther eines Nachts zu Igraine und Arthur wurde gezeugt. In dieser Nacht fiel Gorlois, und Uther Pendragon heiratete die verwitwete Igraine....


In den mittelalterlichen Arthurlegenden ist Merlin nicht einfach ein Zauberer, sondern eine Art Seher und Lenker des Schicksals. Er wusste voraus, dass aus dieser Verbindung Arthur hervorgehen würde – jener König, der für Britannien den idealen Herrscher verkörperte:

  • ein Herrscher, der nicht für sich selbst regiert

  • der das Wohl des Landes und der Menschen über seine persönlichen Interessen stellt

  • die Bereitschaft zeigt, Verantwortung zu übernehmen

  • Gemeinschaft lebt (die Tafelrunde ist ein starkes Symbol dafür)

  • alle Ritter sind gleichwertig

  • Harmonie zwischen Mensch und Land (verliert er seinen Weg, leidet auch das Land)

  • Hoffnung auf bessere Zeiten



Arthur-Statue Tintagel
Arthur-Statue Tintagel

Das alles spiegelt die Sehnsucht nach Orientierung, nach einer gerechten Welt, nach Zugehörigkeit, nach Sinn, nach einem Leben im Einklang mit den eigenen Werten, nach einem Menschen, dem man vertrauen kann….


Bevor ich nach Cornwall fuhr, verschlang ich zum 8. Mal die Arthur-Romane von Bernard Cornwell und empfehle sie gerne immer wieder. Was sie so besonders macht: Cornwell erzählt die Arthur Geschichte nicht als klassischen Fantasy-Roman mit glänzenden Rittern und Camelot, sondern als historisch wirkende Geschichte im Britannien nach dem Rückzug der Römer. Arthur ist kein König im traditionellen Sinn, sondern ein Kriegsherr, der versucht, die britischen Königreiche gegen Sachsen, innere Konflikte und politische Intrigen zusammenzuhalten. Und ich bin ein großer Derfel-Fan!! Sein treuer Weggefährte und für mein Empfinden nach der eigentlicher Held dieser Version der Geschichte.







Merlins Höhle



Unterhalb von Tintagel befindet sich Merlins Höhle. Sie durchzieht den Felsen unter den Überresten der Burg. Viele Menschen, die diesen Ort besuchen, stellen sich vor, Merlin habe dort:

  • gelebt

  • meditiert

  • gezaubert

  • den jungen Arthur beobachtet


Die Höhle ist beeindruckend! Bei Ebbe kann man sie betreten und das Meer strömt durch die Öffnungen. Das Licht verändert sich ständig im Inneren der Höhle und ich verstand sofort, warum man diesen Ort mit Magie verbindet. Es ist ein natürliches Schönheitsjuwel. In vielen Mythen stehen Höhlen für Übergänge zwischen Welten, verborgenes Wissen, Innenschau, Transformation….es ist ein faszinierender Ort! Nicht weil ich glaube, dass Merlin dort wirklich gewirkt hat, sondern weil diese Höhle einen Ort verkörpert, an dem Mythos und Naturlandschaft ineinander übergehen. Man steigt in die Höhle, in die Dunkelheit. Und kommt wieder hinaus an das Licht und auf das offene Meer: der kleine Strand, eingerahmt von mächtigen Felswänden. Die Farben wirken beinahe unwirklich. Warmes Braun, rostiges Rot, Schiefergrau und dazwischen helle Adern im Gestein, als hätte die Erde ihre Geschichten dort in die Felsen geschrieben. Vor ihnen leuchtet das Wasser des Atlantiks in unzähligen Blau- und Türkistönen. Je nach Licht erscheint das Meer mal tiefdunkel und geheimnisvoll, dann wieder klar und strahlend wie flüssiges Glas. Die Wellen rollen unermüdlich heran, brechen schäumend an den Steinen und ziehen sich mit einem rhythmischen Rauschen wieder zurück....






Die Menschen in Cornwall


Cornwall ragt wie eine Halbinsel weit in den Atlantik hinaus. Das Meer war Jahrhundertelang Lebensgrundlage und Bedrohung zugleich für die Menschen, die von Fischfang, Schifffahrt und Handel lebten. Aber auch der Bergbau mit zahlreichen Zinn- und Kupferminen spielte eine große Rolle, aber davon erzähle ich ein anderes Mal….

Cornish People sind bodenständig, sehr humorvoll, demütig, naturverbunden, trotzig, stolz auf ihre Region, etwas zurückhaltend aber sehr herzlich. In gewisser Weise erinnerten sie mich an Menschen aus ländlichen Alpen- oder Küstenregionen anderswo in Europa: stark verbunden mit ihrer Heimat und ihren Traditionen.

Die Nordküste, an der Tintagel liegt, ist dem Atlantik direkt ausgesetzt. Gewaltige Winterstürme, hohe Wellen, starke Gezeiten und versteckte Felsen machten die Küste immer schon berüchtigt. Viele Seeleute fürchteten die Gewässer um Cornwall. Es forderte jederzeit Leben.

Gerade die Gegend zwischen Cornwall und der Biskaya war für Handelsschiffe, Fischer und spätere Segelschiffe oft gefährlich. Stürme konnten plötzlich aufziehen, Nebel die Sicht nehmen und Untiefen Schiffe zerschellen lassen. Diese Erfahrung prägte die Menschen tief. Sie entwickelten:

  • Respekt vor Naturgewalten

  • Zusammenhalt in den Küstengemeinden

  • praktische Lebensklugheit

  • eine gewisse Demut gegenüber dem Schicksal


Ein Geschichtenerzähler wusste folgendes zu berichten:

Diese Geschichte ist bestimmt schon viele Jahrzehnte alt und handelt von einem Mann namens „Pissy Willi“. Er kastrierte Katzen bei Nacht und verkaufte Eis am Tag. Seine Hände rochen entsprechend seiner Tätigkeiten bei Nacht, wenn er das Eis seinen Kunden überreichte.... daher der Name „Pissy Willi“….

Katzen gehören in Tintagel genauso zur Küstenkultur wie Möwen! Sie waren wichtige Nutztiere, die sich mit großem Appetit um die Mäuse kümmerten. Nagetiere vermehrten sich stets rasch und unkontrolliert und vernichteten vor allem die Fischernetze. Doch auch die Katzen konnten für ein erhebliches Ungleichgewicht sorgen, wenn zu viele davon in Hafennähe umher streunten….


Shanty Baba, Geschichtenerzähler in St. Ives
Shanty Baba, Geschichtenerzähler in St. Ives


Was es über die Jahrhunderte an den zerklüfteten Küsten noch gab, waren Schmuggler und Piraten! Egal ob Rum, Tee, Tabak oder andere Waren, es wurde eifrig an versteckten Buchten angelandet, um die Zölle zu umgehen die England für seine Kriegstreiberei benötigte ...bis heute gehören Schmugglergeschichten fast zur regionalen Identität und an vielen Orten spielen Antiquitätengeschäfte heute noch eine große Rolle. Typischer Weise findet man dort alte Seekarten, maritime Instrumente, okkulte Gegenstände (durchaus gruselig), Schiffslaternen, Silber, Porzellan, Schmuck, viktorianische Bücher, alte Postkarten, alte Waffen, Gegenstände aus Bergbau und Fischereigeschichte und vieles mehr. Und auf der anderen Seite des Ärmelkanals, in der Bretagne, findet sich genau dasselbe….

Beide Regionen sind vom Atlantik geprägt, keltischen Ursprungs, reich an Legenden und Sagen, bekannt für ihre wilde Küstenlandschaft.

Als ich Tintagel schließlich hinter mir ließ, blieb mehr zurück als eine Erinnerung an Legenden, Klippen und Meer. Falls Merlin dort noch irgendwo unterwegs ist, dann hoffe ich, dass er über meinen Filzwichtel und den Drachen ordentlich geschmunzelt hat.... Ich komme auf jeden Fall wieder!


 
 
 

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